In diesem Projektseminar zu Sappho in der Weltliteratur wurden wissenschaftliche Poster erarbeitet und im Anschluss auf einer Ausstellung präsentiert. Das Seminar hat aus zwei Teilen bestanden: einem gemeinsamen Lektüreprogramm und der selbstständigen Ausarbeitung eines Rezeptionsfalls von Sappho in der Weltliteratur. Im ersten Teil haben wir uns mit Sappho selbst beschäftigt und hierfür die berühmte Hymne an Aphrodite und das Fragment 31 intensiv gelesen und in unterschiedlichen Übersetzungen verglichen. Im Rahmen des gemeinsamen Lektüreprogramms haben wir wichtige Etappen der europäischen Rezeptionsgeschichte von Sappho kennengelernt, mit besonderem Fokus auf dem 19. Jahrhundert (Renée Vivien, Algernon Charles Swinburne, Paul Verlaine, Charles Baudelaire). Ebenso haben wir gemeinsam den zeitgenössischen Roman „After Sappho“ von Selby Wynn Schwartz diskutiert.
Der zweite Teil dieses Kurses hat Gelegenheit geboten, die globale und dekoloniale Rezeption Sapphos selbständig zu vertiefen. Als aktive Leistung für die Teilnahme hat jede Studierende ein Poster erstellt, das sich einem besonderen Fall der globalen Rezeption Sapphos angenommen hat. Gegenstand dieser Poster sollte ein spezifisches Beispiel für die Sappho-Lektüre jenseits von Europa und in dekolonialen Kontexten sein. Die Teilnehmenden wurden eingeladen, eigenständig ausgehend von ihren eigenen Interessen, Nebenfächern und ggf. auch Sprachkenntnissen nach weiteren Rezeptionsbeispielen in globalen Literaturen zu suchen und diese für ihre Posterpräsentationen aufzubereiten.
Diese Poster wurden dann in einer Ausstellung einem erweiterten universitären Publikum zur Verfügung gestellt. Neben der Ausstellung der Poster gab es ein Begleitprogramm mit Impulsvorträgen. Inhaltlich haben sich die Poster vor allem auf das 20. und 21. Jahrhundert konzentriert und nachgezeichnet, wie Sappho in Indien, Argentinien, China und den Vereinigten Staaten gelesen wurde. Nicht nur literarische Rezeptionen, sondern auch die Umschreibung Sapphos in den sozialen Medien wurde thematisiert.
Das Seminar hat auf ein Bedürfnis der Studierenden der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft reagiert, die sich mehr geografische Vielfalt wünschen und mehr Texte der asiatischen und afrikanischen Literaturen kennenlernen möchten. Damit wurde die Gelegenheit geboten, ausgehend von bekannten Gegenständen der AVL neue Forschungsgebiete zu erschließen. Zentral für das didaktische Konzept der Ausstellung war der forschungsorientierte Ansatz. Das Ziel des Seminars bestand schließlich darin, dass Studierende völlig eigenständig einen Untersuchungsgegenstand bearbeiten mussten. Erste Ansätze dafür konnten im „Cambridge Companion to Sappho“ gefunden werden, einem Referenzwerk, in dem auch Rezeptionsbeispiele aus dem globalen Süden (etwa aus Lateinamerika) vorgestellt werden. Dennoch konnten die Studierenden mit ihren Postern Neuland betreten, da die Frage nach Sapphos Rezeption in dekolonialen Kontexten viel Potential für weiterführende Forschung bietet. Ein Beispiel für einen solchen bisher nicht umfassend beleuchteten Rezeptionsfall von Sappho in der
Weltliteratur habe ich in der ersten Seminarsitzung mitgebracht, das Gedicht „Sonata for Sappho“ des kenianischen Lyrikers Jared Angira.
Da es sich bei wissenschaftlichen Postern um ein komprimiertes Format handelt, musste der Analysegegenstand beschränkt werden. Gemäß der Methode des ‚close reading‘ ging es vor allem darum, sich auf einen konkreten Fall zu konzentrieren und davon ausgehend Forschungsthesen zu entwickeln.
Die konkrete Umsetzung des eigenen Plakates wurde von der Tutorin begleitet. Es wurden keine Vorgaben zu Visualisierungen gemacht, sodass im Resultat die Plakate unterschiedliche Formate gewählt haben. Wichtig war die Anwendung wissenschaftlicher Arbeitspraktiken, also nach bekannten Vorgaben zu zitieren und zu referenzieren und ein Literaturverzeichnis zur Verfügung zu stellen.
Die Ziele der Lehrveranstaltung wurden erreicht und sogar übertroffen: Innerhalb eines Semesters konnten die Studierenden Kenntnisse in einer wissenschaftlichen Arbeitsform sammeln und selbständig nach eigenen Interessen forschen. Durch die Konzentration auf ein konkretes Produkt und die Begleitung durch die Tutorin konnte das Poster im Rahmen eines Semesters erstellt werden. Ebenso können die Studierenden nun auf Erfahrungen in der Organisation von wissenschaftlichen Veranstaltungen zurückblicken. Dass es sich um ein nachhaltiges Format handelt, das zu weiterer eigenständiger Forschung anregt, zeigt sich bereits daran, dass eine Auswahl der Poster auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft im September 2026 in Mainz zu sehen sein wird.
Dr. Marília Jöhnk
Fach/Institut: Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Rolle: Veranstaltungsleitung
Christine Renné
Fach/Institut: AVL und Gräzistik
Rolle: Tutor*in